Dienstag, 3. Oktober 2017

Mein Studium - Bauingenieurwesen - Meine Erfahrung

Nach fünf Jahren stehe ich nun am Ende meines Bauingenieurwesen-Studiums. Ich habe den Eindruck, dass sich die meisten Menschen unter diesem Studium nicht viel vorstellen können. Das ist deshalb eine gute Gelegenheit, mein geballtes Wissen mit euch zu teilen und euch vielleicht auch eine Hilfe zu sein, wenn ihr gerade auf Studiengangssuche seid.

Meine Weg zum Studium

 

Jedes Kind hat einen Traumberuf. Ich wollte ich Lehrerin werden. Dann kam ich auf ein Gymnasium und erlebte, wie schwer es Lehrer mit Mittelstufenschülern hatten, und überlegte es mir kurzerhand anders.
 In den Jahren darauf hatte ich keinen konkreten Berufswunsch mehr, aber je näher das Abitur rückte, umso mehr beschäftigte ich mich mit dem großen, angsteinflößenden Danach.

Als meine liebsten Fächer in der Schule haben sich Mathematik und die Naturwissenschaften wie Chemie, Physik und Biologie, aber auch Kunst und Deutsch herauskristallisiert. In diesen Fächern hatte ich eine schnelle Auffassungsgabe, musste nicht viel lernen und freute ich mich vor jeder Stunde darauf. Nicht so recht anfreunden konnte ich mich mit den Fremdsprachen, auch wenn ich hier nie direkt schlecht war. Diese Selbsteinschätzung hat mir sehr geholfen, mögliche Studiengänge direkt auszusortieren.

Obwohl ich wusste, was ich NICHT will, wusste ich noch lange nicht, was ich WILL, und so besuchte ich Vorträge über Biologie, Angewandte Mathematik, Architektur, Betriebswirtschaftslehre, Eventmanagement, Lebensmittelchemie, Innenarchitektur und eben Bauingenieurswesen. Ihr seht, ich war an vielem interessiert! Und wer sich jetzt erhofft, dass ich hier direkt eine Erleuchtung hatte, der täuscht sich. Einige der Studiengänge schloss ich zwar im Anschluss aus, aber die Entscheidung fiel erst nach weiterer Recherche im Internet und vielen Pro- und Kontralisten. Das wohligste Bauchgefühl hatte ich beim Bauingenieurwesen. Hier könnte ich sowohl meine Mathe- als auch meine kreativen Fähigkeiten einsetzen und vor allem etwas Großes erschaffen.

Die Hochschulen verlangen in der Regel ein Vorpraktikum und so verbrachte den Sommer nach dem Abitur mit betonieren und pflastern, während ich auf Facebook sah, wie meine Freunde durch die Welt reisten. Ich bin stolz, dass ich das durchgezogen habe, denn ich habe hart geackert und mir die Anerkennung der Kollegen verdient und gelernt, dass ich keine Angst vor neuen Herausforderungen haben muss. Es hat mir auch fachlich sehr geholfen, denn vorher hatte ich keine Ahnung von Bauabläufen und Herstellungsprozessen.

 

Das Studium und seine Inhalte

 

Ich habe mich für ein Studium an der Hochschule Darmstadt entschieden. Im Gegensatz zur Universität bieten Hochschule mehr Praxisbezug und dafür weniger Wissenschaft. Trotzdem kamen im Grundstudium erst mal Fächer wie Mathematik, Hydromechanik und Technische Mechanik an die Reihe, aber dann auch recht schnell lebensnahe Module wie Bauwirtschaft, Baukonstruktion und Baustoffkunde. Neben der Theorie gehören auch praktische Tätigkeiten dazu. Wir haben Würfel aus Beton hergestellt und sie anschließend bis zur äußersten Grenze belastet. Wir haben auch mit Wasser Strömungsversuche gemacht und das Campusgelände vermessen.

Nach drei Semestern wählt man dann eine Vertiefung. Anders als viele denken, gehört nämlich nicht nur der Baubereich zum Bauingenieur, sondern auch viele anderen zivilen Gebiete. Aus diesem Grund heißt der Beruf im Ausland auch überall Civil Engineer.
Mögliche Bereiche sind die Bauwirtschaft (Planung und Durchführung von Bauprojekten, Immobilienwertermittlung, Handel mit Immobilien und Immobilienverwaltung), das Verkehrswesen (Planung von Straßen, Schienen und Flughäfen, Lenken von Verkehrsströmen, Planung von Öffentlichem Nah- und Fernverkehr, Mobilität der Zukunft), der Wasserbau (Planung und Instandhaltung von Wasserstraßen, Flüssen, Überflutungsflächen für Hochwasserszenarien, Deichen, Dämmen, Renaturierung von Gewässern, aber auch die Versorgung der Städte mit Trinkwasser und die Abwasserentsorgung) und die Statik (Beratung der Architekten, Planung von standsicheren Gebäuden und Brücken wie zum Beispiel begehbare Glasböden, Stützwände aus Beton, Satteldächer aus Holzbalken und Brücken aus Stahl).

Gegen Ende gibt es dann ein weiteres Praktikum, dieses Mal aber als Bauingenieur in einem Büro oder als Bauleiter auf der Baustelle. So kann man seine erlernten Fähigkeiten gleich in der Realität testen und erste berufliche Kontakte knüpfen.

 

Prüfungen

 

Studiert man Architektur, muss man ein Bauwerk entwickeln und Modelle bauen, das dann bewertet wird. In Soziologie werden vor allem Hausarbeiten geprüft. Im Bauingenieurwesen werden die Fähigkeiten meistens in der vorlesungsfreien Zeit durch Klausuren getestet. Die Klausuren bestehen in der Regel aus einen Praktischen Teil, bei dem man etwas vorrechnet, und einem theoretischen Teil, bei dem Wissen abgefragt wird. Anders als in der Schule darf man hier aber alle Unterlagen in die Prüfung mitnehmen und darin nachschlagen. Dass trotzdem nicht jeder eine 1,0 schreibt, liegt an der knapp bemessenen Zeit. In den höheren Semestern muss man auch mal Projektarbeiten anfertigen, wie zum Beispiel eine Statik für ein Bürogebäude, oft auch in Gruppenarbeiten.

Am Ende des Studiums schreibt man dann seine erste richtige wissenschaftliche Arbeit, die Bachelorthesis. Hier sucht man sich einen Professor aus und erarbeitet mit ihm oder ihr eine Aufgabenstellung. Ich habe meine Bachelorthesis in Kooperation mit einem Ingenieurbüro geschrieben, auch das ist eine beliebte Möglichkeit, aber freiwillig.

 

Und was mache ich nach dem Studium?

 

Egal ob Baustelle, die Deutsche Bahn, eine Wasserschutzbehörde, ein Ingenieurbüro oder die Selbstständigkeit - fast alles ist möglich. Für die meisten Jobs wird ein Master vorausgesetzt, ein Doktortitel ist aber sehr unüblich. Die meisten Absolventen wechseln erst einmal ins Angestelltenverhältnis, um Berufserfahrung zu sammeln. Nach ein paar Jahren kann man sich dann selbstständig machen, muss man aber nicht. Je nach Bereich hat man mit Architekten oder mit Behörden viel bis gar nichts zu tun.

Die Berufsaussichten sind seit einigen Jahren sehr gut und werden es wohl auch bleiben, weil viele Bauingenieure in den nächsten Jahren in Rente gehen werden. Durch Praktika und Werksstudententätigkeiten haben die meisten Studenten schon ein Jobangebot, wenn sie fertig werden. Wer möchte, kann auch eine wissenschaftliche Karriere anstreben. Dazu hat er am besten schon an einer Universität studiert.
Das Gehalt liegt innerhalb der Berufsgruppe der Ingenieure im unteren Bereich, aber berufsübergreifend betrachtet über dem Durchschnitt. Man wird davon nicht reich, aber kann sehr gut davon leben. Man verdient zum Beispiel mehr als Architekten.

Wer möchte, kann mit seinem Abschluss auch ins Ausland gehen. Deutsche Ingenieurskunst ist dort nach wie vor sehr gefragt.
 

 

Faktencheck

 

Im Bauingenieursstudium sind fast nur Männer?

Nein, ich schätze den Frauenanteil auf 40%.

 

Das Ingenieursstudium gehört zu den schwersten.

Das kommt natürlich zuerst einmal auf die eigenen Fähigkeiten und Neigungen an. Ich würde mir mit Fremdsprachen, Jura oder auch mit reinen Naturwissenschaften sehr viel schwerer tun als mit dem Bauingenieursstudium. Auch wenn wir Bauingenieure das "Genie" in der Berufsbezeichung haben, sind wir nicht wirklich alle kleine Leonardo Da Vincis.

 

Welche Fähigkeiten sind gefragt?

Die Studiengänge bauen auf dem Abitur auf. Es hilft, logisch denken zu können und ein räumliches Vorstellungsvermögen zu haben. Wer gut in Geometrie und Analysis ist, kann das. Außerdem braucht man einen Hang zum Knobeln oder wenigstens Durchhaltevermögen. Eine schnelle Auffassungsgabe erleichtert das Lernen erheblich.

 

In den ersten Semestern finden Aussieb-Prüfungen statt.

Die Durchfallquoten bei Klausuren sind in dem Grundstudium am höchsten und lagen meist zwischen 50 bis 80 Prozent. Trotzdem kann man nicht davon sprechen, dass Professoren die Prüfungen bewusst viel zu schwer gestalten, um die Studenten zu schickanieren oder eben um "auszusieben". Alles, was ich im Grundstudium gelernt habe, habe ich in den weiterführenden Studien auch gebraucht. Einigen Studenten fällt der Umstieg von der Schule zur Uni schwer: Es ist viel mehr Stoff zu lernen und mit einer mündlichen Note kann man auch nichts mehr herumreißen. Wer nach drei versiebten Klausuren auch die mündliche Prüfung nicht besteht, ist höchstwahrscheinlich einfach nicht für ein Ingenieursstudium geeignet, sorry.

 

Bauingenieure leben in ihrer eigenen Welt. 

Nein. Bauingenieure arbeiten meist mit Architekten oder anderen Berufsgruppen interdisziplinär zusammen. Neben dem technischen Wissen müssen Bauingenieure vor allem ihre Ideen überzeugend rüberbringen, weshalb sie über sehr gute Kommunikationsfähigkeiten verfügen. Vielleicht abgesehen von Stuttgart 21.

 

Auf Baustellen gehört der Kasten Bier einfach dazu.

Nein. Habe ich nie erlebt. Wasser ist bei der körperlichen Anstrengung sowieso sinnvoller.

 

Architekten und Bauingenieure machen das Gleiche.

Nein. Die Aufgaben unterscheiden sich sehr. Ein Architekt kümmert sich wenig um die Statik, dafür viel um die Ästhetik und Nutzbarkeit des Gebäudes. Er vertritt meist eine künstlerische Philosophie, während der Bauingenieur praktisch veranlagt ist. Aus diesem Grund gefällt dem einen auch häufig nicht, was der andere plant. Dabei sind beide unabdingbar für ein gelungenes Bauwerk. Am besten ist es, wenn auch noch ein Innenarchitekt beteiligt ist. So sind die Bauherren am Ende am zufriedensten.


Hilfreiche Links zum Thema:

werde-bauingenieur.de
kein-ding-ohne-ing.de

Wie immer spiegelt der Artikel meine persönliche Meinung wider und ist nicht gesponsert.

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